Crossover-Köllner Studentenzeitung

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Eine Artikel über unsere Entstehung, zwar mit etwas Phantasie geschrieben aber im Großen und Ganzen stimmt er.

Braucht es wirklich Rasen für einen Rasensport? Braucht es wirklich Sand für einen Bunker? In Berlin meinen sie, dass es auch ohne geht.

Von Thorsten Schnug
Es ist ein warmer Samstagmit­tag in Berlin. Strahlend blau­er Himmel und Vogelgezwit­scher. Der perfekt gepflegte Rasen duftet als wäre er frisch geschnitten worden und glänzt in ei­nem saftigen Grün. Eve zieht sich ihre Kappe ein wenig tiefer ins Gesicht, um nicht von der Sonne geblendet zu werden.
Sie trägt luftige Flip-Flops, ihre kur­ze weiße Jogging-Hose und ihr hell­blaues, bauchfreies Lieblingsshirt.
Drei Männer gehobenen Alters, al­lesamt in langen Buntfalten-Hosen, stehen tuschelnd in einem Halbkreis ein paar Meter rechts neben ihr. Zwei von ihnen tragen Polohemden, der Dritte ein langärmliges, kariertes Hemd. Eine noch älter wirkende Frau, in knielangem gelben Rock und wei­ßem Blouson, steht mit in der Runde und nickt sichtlich amüsiert einem der Herren zu.
Ein weiterer Mann steht links von Eve und beobachtet die Situation. Er ist erst Mitte dreißig und hat einen Strickpulli locker zu einer Art Um­hang um den Hals gebunden.
Eve konzentriert sich. Ein leich­ter Windstoß kühlt sie ein wenig ab. Noch ein letztes Mal tief durchgeat­met und die Haltung korrigiert, so wie es der Herr mit Strickpulli erklärt hat. Sie hält sich an dem Griff ihres Dri­vers fest, holt weit aus, schlägt ab und – „Tock“ – trifft den Ball nahezu perfekt und mit voller Wucht. Den Schläger noch immer angespannt festklam­mernd und über der linken Schulter anhaltend, schaut sie der weißen Ku­gel hinterher. Die Flugbahn sieht gut aus: pfeilgerade, wie an einer unsicht­baren Schnur. „Sehr schön gemacht! Für den ersten Versuch – Respekt. Gute 100 Meter. Sie haben auf jeden Fall Talent!“ kommentiert die kratzige Stimme von links ihren Schlag. Eve geht ein paar Schritte auf den Coach zu und will ihm den Schläger reichen. „Nur eine Sache noch. Also ich möch­te Ihnen ja jetzt nicht zu nahe treten, aber… ihr Outfit. Das sieht eher nach Minigolfplatz oder Crossgolfen aus… Normalerweise darf ich Sie so nicht spielen lassen. Wir haben hier zwar keinen offiziellen Dress-Code auf dem Platz, aber so… ich bitte Sie.“ Eve schaut ihn mit großen Augen an, schüttelt den Kopf und drückt ihm den Driver in die Hand: „Dann gehe ich wohl lieber Minigolf spielen. Schö­nen Tag noch!“
Morgens darauf sitzt Eve in ihrer klei­nen berliner 2-Zimmer-Wohnung vor dem Laptop. Die Sonne leistet bereits ganze Arbeit und heizt die Wohnung auf. Ihr gehen die Worte des Coach nicht aus dem Kopf. Crossgolf. Was ist das überhaupt? Neugierig tippt sie „Crossgolf Berlin“ in die Suchma­schine ein und wird prompt fündig. „Crossgolf = Golf ohne teure Ausrüs­tung und überall, nur nicht auf dem Golfplatz“ heißt es auf der Homepage der „Capital-Crossgolfer“. Mit einem Klick auf die „News“-Sparte erscheint auf dem Bildschirm: „Schnuppergol­fen – Termin: Sonntag, 13. Juni 2010, 13 Uhr.“ Sofort ruft Eve bei der an­gegebenen Handy-Nummer an, um den Treffpunkt zu erfahren. Sie hat Stephan am Telefon, der ihr den Weg zu einem alten Industriegelände in Berlin-Schöneweide erklärt. Voller Ta­tendrang schlüpft Eve in eine kurze, abgeschnittene Jeans, zieht sich ein T-Shirt an und macht sich mit ihrem klapprigen Fahrrad auf den Weg.

Städtische Wildnis
Vor dem alten Industriegelände an­gekommen, steigt sie vom Rad und kettet es an eine rostige Regenrinne. Hier soll Golf gespielt werden? Statt dem wohlgepflegten Golfplatzrasen sind hier nur der graue Betonboden und Gullideckel zu sehen. Aus allen Fugen wuchert Unkraut und wildes Gebüsch. Die alten roten Backstein- Mauern sind größtenteils mit Graffiti verziert. Unter ein paar zerbroche­nen, alten Fenstern liegen Glasscher­ben. Die knallende Sonne erhitzt die Szenerie und erzeugt so einen ange­nehmen Geruch. Es riecht nach ei­ner Mischung aus wilder Natur und Großstadt.
Gespannt betritt Eve durch ein gro­ßes, verrostetes Tor das Gelände. So­fort sieht sie in einiger Entfernung eine Gruppe von vier jungen Män­nern auf einer alten Verladerampe stehen und geht auf sie zu. Als sie näher kommt erkennt sie, dass jeder einen Golfschläger in der Hand hält. Dabei fällt sofort auf, dass alle lässig gekleidet sind. „Hey! Du musst Eve sein! Ich bin Stephan!“
Eve erzählt, dass sie 26 Jahre alt ist und berichtet von ihrem gestri­gen Golfplatz-Erlebnis. Die Gruppe nimmt dies lachend zur Kenntnis.
In kleiner Vorstellungsrunde er­fährt sie, dass der 24-jährige Stephan als Krankenpfleger auf der Intensiv­station arbeitet. Gemeinsam mit Jens, bildet er die Crew der „Capital Cross­golfer“. Die anderen beiden – Micha und Tobi – sind genau wie Eve zum Schnuppergolfen gekommen.
„Keiner von uns hat Platzgolferfah­rung. Wir haben uns erst im März 2010 gegründet. Seitdem spielen wir 1-2 Mal pro Woche. Je nach Wit­terung, Urlaubs- und Feiertagszeit schwankt das natürlich. Und keine Sorge, wie du siehst spielen wir auch in Shorts, T-Shirts oder wenn es etwas kälter wird auch mal in Bluejeans und Kapuzenpulli“, erklärt Jens.

Eve ist erleichtert und möchte mehr über Crossgolf erfahren. Stephan klärt die Schnupperkurs-Teilnehmer auf: „Die ursprüngliche Sportart Golf hat früher eher in der Wildnis statt­gefunden, weil jemand einfach Lust hatte, hier und jetzt, wo er war, ein paar Bälle durch die Walachei auf im­provisierte Ziele zu schlagen. Diese Wildnis ist dem ‚normalen‘ Golf ab­handen gekommen. Crossgolf bildet die moderne Form des ursprüngli­chen Golfs – statt in dichten Wäldern oder auf Feldern, wird nun eben in ruhigen städtischen Gegenden dem perfekten Schlägerschwung gefrönt, oder eben auf Industriegeländen, in Parks, auf Parkplätzen, und ja – auch immer noch in natürlichen Wäldern und Feldern, sofern der Ballverlust überschaubar scheint. Man kann praktisch überall spielen, wo der Platz ausreicht, um in Ruhe einen Ball ab­zuschlagen.“

In den Betonkübel
Voller Tatendrang wollen die Kursteil­nehmer loslegen. Gespielt wird mit gehärteten Schaumstoffbällen, den sogenannten Almost-Bällen. So kann gewährleistet werden, dass nichts durch die Crossgolfer beschädigt wird – auch wenn das alte Gelände nicht mehr industriell genutzt wird. Vor al­lem an stärker frequentierten Orten bietet dies Vorteile: „Das ist nicht nur gut für den Platz, sondern auch für uns – es erspart Ärger mit Passanten, Behörden oder Eigentümern und wir vermeiden, dass Crossgolf dadurch in Verruf gerät“, begründet Stephan. Jens positioniert ein kleines Stück Kunstrasen auf der alten Verladeram­pe und legt einen gelben Almost-Ball darauf. „Das hier ist ein ‚pocket shag‘. Die legen wir unter den Ball, um Bo­den und Schläger zu schonen.“ Mit schnellen Schritten geht er auf einen alten, etwa 30 Meter entfernten Be­tonkübel zu, zeigt darauf und ruft den anderen zu: „Das hier ist unser erstes Ziel! Etwa 80 cm im Durchmesser, der Pott! Wer die wenigsten Schläge braucht um hier rein zu treffen, hat gewonnen! Freiwillige vor?“
„Ich mach das!“ ruft Eve, bekommt von Stephan einen Schläger gereicht und stellt sich damit seitlich neben den bereitgelegten Ball. Die anderen Teilnehmer beobachten sie dabei auf­merksam. Sie peilt das Ziel an, korri­giert ihre Haltung und atmet lächelnd durch. Dann holt sie aus und – „Tock“ – trifft den Ball. Das Geräusch hört sich ein wenig dumpfer an als bei dem Golfball vom Vortag. Alle Anwe­senden schauen der kleinen, gelben Kugel hinterher. Sie fliegt in Rich­tung Betonkübel, titscht ein paar Mal auf dem Boden auf und rollt immer näher auf das Ziel zu. Knappe zwei Meter davor, bleibt der Ball schließ­lich an einem moosgrünen Büschel Unkraut hängen, der aus einem Riss im grauen Betonboden herausragt.
„Sauberer Schlag! Sehr gut ge­macht!“ wird sie von Stephan und Jens gelobt.
Stephan geht zu einer großen, braunen Golftasche, die auf der alten Verladerampe steht, und zieht einen Schläger heraus. Dabei wendet er sich der Gruppe zu: „Wir benutzen übrigens nur handelsübliche Golf­schläger. Im Regelfall brauchen wir allerdings nicht so eine große Aus­wahl wie die Platzgolfer. Die Anzahl variiert. Man kann auch mit zwei Schlägern prima über die Runden kommen. Das hier ist jetzt der soge­nannte ‚Lob Wedge‘, den ich in die­sem Fall benutzen würde, um den Ball in den Kübel zu lupfen.“. Er hebt den Schläger ein wenig hoch und prä­sentiert ihn den Neulingen, bevor er ihn an Eve weitergibt.
Diese schreitet entschlossenen Schrittes zu ihrem Ball, nimmt dane­ben Position ein. Der Rest der Grup­pe begleitet sie, bis auf ein paar Meter Sicherheitsabstand. Eve zielt nur ei­nen kurzen Augenblick, holt aus und – „Tock“ – befördert die Kugel über den Rand des Betonkübels und damit geradewegs in den selbigen. Applaus schallt über das ehemalige Industrie­gelände. Eve deutet einen Knicks an: „Ich glaube, ich habe meinen Sport gefunden.“

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Crossgolf ist eine Trendsportart, die vor allem in Deutschland immer populärer wird. Gespielt werden kann im Prinzip überall. Außer dem Motto „Safety First“ gibt es dabei keine Regeln. Die Crossgolfer messen sich in offiziellen wie inoffiziellen Turnieren. Für Spiele in der Dunkel­heit gibt es sogenannte Almost NT-Bälle aus gehärtetem Schaumstoff mit Beleuchtung. Statt Löchern als Ziel werden zum Beispiel Betonkübel oder kleine Plastik-Tore genutzt.