Berliner Zeitung

von Jonas Rust
copyright Berliner Zeitung

Der Trabi ist das dritte Loch

BERLIN –
Ohne Handicap, ohne Dresscode, ohne Rasen: Beim Crossgolf werden Industrieruinen und Parkhäuser zum Spielplatz.
Konzentriert versucht Micha Bramkamp nur auf die Giebel zu treten, die sich unter dem brüchigen Teerdach abzeichnen. Dann schiebt der 26-Jährige eine kleine Kunstrasenmatte unter den Golfball und schlägt ab. In hohem Bogen fliegt der Ball über das Dach mit den Abzugshauben, senkt sich plötzlich steil – und landet direkt auf dem Trabi, dem Loch Nummer 3. Nur zwei Schläge hat er gebraucht, um sich über die Fabrikhalle zum Trabi auf der anderen Seite zu spielen. Das hat hier noch niemand geschafft.
Micha Bramkamp und drei andere spielen Golf – in einer verlassenen Brauerei in Schöneweide. Das letzte Bier wurde hier vor acht Jahren abgefüllt, nun liegen hier nur noch Scherben, Schutt, und verrostete Sprühdosen. Doch dafür kann gegolft werden: Loch Nummer 1 ist eine vermoderte Abzugshaube; Loch Nummer 2 ein verrostetes Fass.

Durch das dreistöckige Parkhaus
Crossgolf nennt sich diese Variante von Golf, für die man keinen Golfplatz braucht, keine Genehmigung, keine teure Clubmitgliedschaft. Nur die Golfschläger. Micha Bramkamp hat seinen für einige Euro im Internet ersteigert. Statt Golfbälle verwenden sie nur 11 Gramm schwere Hartschaumbälle. Almost-Bälle heißen diese. Ihre Flugbahn ist wie bei einem echten Golfball – aber nur ein Drittel so weit. Und das macht sie ideal für kleinere Gelände.
Wie für das Ikea-Parkdeck in Spandau. Da spielen sie sich nach Ladenschluss durch das dreistöckige Parkhaus und schlagen dann vom obersten Deck über die Brüstung. Das Ziel: Der Kofferraum einer ihrer Wagen. Anders als echte Golfbälle schlagen die Crossgolfbälle keine Dellen in den Lack. Deshalb bekommen sie auch keinen Ärger mit der Polizei, wenn sie sich vom Kanzleramt zur U-Bahn-Station Bundestag und dort hindurch golfen. Ein Ziel findet sich immer: Ein Mülleimer – oder, wie auf dem Flughafenfeld Tempelhof die ehemaligen Markierungen für die Flugzeuge.
Auf einen richtigen Clubgolfplatz mit 18 Löchern kommt man ohnehin nicht ohne die sogenannte Platzreife, einer Prüfung, mit praktischem und theoretischem Teil. Und da man vorher Trainingsstunden nehmen muss, kostet die meist mehrere hundert Euro, sagt Stephan Viertel, Krankenpfleger auf einer Intensivstation. Ihm ist das zu teuer. Deshalb gründete er vor zwei Jahren die Capital Crossgolfers.
Ein knappes Dutzend Crossgolfer sind sie inzwischen, die Platzreife hat niemand von ihnen. Aber das heißt nicht, dass sie es nicht ernst nehmen würden mit dem Golfen. Im Gegenteil: Zwar reicht für den Anfang ein Schläger, aber Stephan Viertel hat sich im Internet ein Equipment zusammenkauft wie es Golfprofis haben: 6er, 7er, und 9er Eisen-Schläger, mehrere Wedges, um die Bälle hoch in die Luft zu bekommen. Ein Holz für die weiten Schläge.
Welchen Schläger sie wann benötigen, haben die Crossgolfer im Internet gelernt – dort kursieren unzählige Videos, die den korrekten Abschlag zeigen. Mehr als 100 Muskelgruppen müssen dafür koordiniert werden, weiß Stephan Viertel. Einer der komplexesten Bewegungsabläufe, den es im Sport gibt. Das und die Körperbeherrschung, die notwendig ist, um den Ball über 140 Meter präzise zu schlagen, faszinieren ihn am Golfen.
Nun entscheidet sich Stephan Viertel für den Wedge, er muss über zwei Holzbalken einer Empore abschlagen. Er geht auf den Ball zu, plötzlich ein Knall: „Leuchtstoffröhre“, analysiert er seinen Fehltritt, bei dem das Gas der im Schutt liegenden Lampe explodierte.
Lost Ball in der Chemie-Pfütze
Das Gelände hat seine Tücken. Bei einem Abschlag fliegt der Ball durch eine der zerbrochenen Fensterscheiben. Am Boden liegt weißes Pulver, der Ball ist in einer undefinierbaren Flüssigkeit neben einem verrosteten Fass gelandet. Ein ehemaliges Lager für Chemikalien. Zu unsicher, finden die Crossgolfer, der Ball ist verloren. „Lost Ball, zwei Strafschläge“, wird auf der laminierten Scorecard festgehalten, die an Stephan Viertels Schlüsselbund baumelt.
Sogar einen Zählschieber mit kleinen Golfbällen hat er an dem Schlüsselbund festgemacht. Damit er die Übersicht behält, wie viele Schläge er gebraucht hat. Dabei gibt es beim Crossgolf sowieso kein Handicap. Dafür verändert sich das Terrain zu stark. Abzugshauben, die einst Ziele waren, werden von Metalldieben herausgeflext. Auch der Trabi, ihr Loch 3, steht immer wieder woanders. Ihre Ziele müssen sich die Capital Crossgolfers jedes Mal neu suchen.
Deshalb scannt auch Micha Bramkamp alles auf Golftauglichkeit, wenn er durch Berlin läuft. Das Sony-Center am Potsdamer Platz geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Dort hätte man unendliche Möglichkeiten zu golfen: Ziele gebe es massenhaft, nichts ist überwuchert. Es dürften nur nicht so viele Menschen dort sein. Dann könnte er vom Schrägdach des Imax-Kinos abschlagen.
Es gibt keine festen Regeln…
…beim Crossgolf, außer einer: Sicherheit zuerst. Diesen Grundsatz vertritt die Crossgolf-Initiative Forebild, bei der auch die Capital Crossgolfers Mitglied sind. Sie legen Wert darauf, beim Crossgolfen niemanden zu gefährden und keine Schäden an fremdem oder öffentlichem Eigentum anzurichten.

In Berlin…
…sind die Capital Crossgolfers eine Anlaufstelle für alle Interessierten. Wer den Sport erst mal ausprobieren will, bekommt auch Schläger, Abschlagmatte und Bälle geliehen. Kontakt: capitalcrossgolfer@googlemail.com oder www.berlin.crossgolf.de. Dort findet sich auch eine Karte mit geeigneten Crossgolf-Locations in Berlin.

Normale Golfschläger…
…reichen aus, um Crossgolf zu spielen – für den Anfang reicht ein Eisen 7. Im Internet kann man auch komplette Golfschläger-Sets mit verschiedenen Eisen, Wedges und Holz (Driver) gebraucht für unter 50 Euro ersteigern. Um Material und Boden nicht zu beschädigen, kann man eine kleine Abschlagmatte mitnehmen. Statt normaler Golfbälle werden Almost-Golfbälle, eigentlich Trainingsbälle aus Hartschaum, verwendet – mit ihnen kann nichts kaputt gehen. Ein 10-er Set kostet etwa 12 Euro.