Berliner Kurier 2

von Florian Thalmann- Copyright Berliner Kurier

Berlin –

Das erste Ziel ist schnell erfasst. „Die Straßenlaterne, die nehmen wir“, sagt Stephan, deutet mit dem Finger in Richtung des Schöneberger Rathauses. Dort, in 70 Metern Entfernung an der Nordseite des Rudolph-Wilde-Parks, steht er, ein Laternenmast, 15 Zentimeter dick, in der Dunkelheit ist er auf die Entfernung kaum zu erkennen.

Stephan Viertel (33), Jörg Großmann (43), Alexander Schlögel (45) und Sylvain Rullier (39) packen ihre Golfschläger aus, außerdem Bälle, die sie mit kleinen Knicklichtern spicken, um sie zum Leuchten zu bringen. Nacheinander legen sie die Kugeln auf Grasnarben am Rand des Gehwegs, zielen – und schlagen ab. Die Bälle von Jörg und Alexander fliegen ins Leere, Stephan kommt der Lampe ein Stück näher. Sylvain liefert die beste Vorstellung: Kurz nach seinem Abschlag ist zu hören, wie der Ball an einer Mauer nahe der Laterne abprallt. „Der war drin“, sagt er und nickt zufrieden.


Wer die Männer sieht, die im leichten Nieselregel mit ihren Schlägern über die Wiese stapfen, der fragt sich: Was soll das? Stephan, Jörg, Alexander und Sylvain sind Crossgolfer. Sie spielen Golf, aber nicht auf einem Platz mit gepflegtem Rasen, sondern machen die ganze Welt zu ihrem Spielfeld. Parks, Wälder, Gärten. Das Prinzip: Ein beliebiges Ziel, ob Parkbank, Mülleimer oder Laterne, muss mit wenig Schlägen getroffen werden.

Berliner Crossgolfer sind Profis

Das geht am Tag – und in der Nacht. „Capital Crossgolfer“ heißt das Team, Stephan hat es gegründet. Der Krankenpfleger kam 2007 zum Sport, als ein Kumpel eine Reportage über Crossgolf sah und sich Schläger und Bälle kaufte. „Gemeinsam fuhren wir auf einen alten Flugplatz und spielten eine Runde. Schon am Tag danach kaufte ich mir einen eigenen Schläger auf Ebay.“ Als er nach Berlin zog, gründete er hier die Gruppe, um nicht allein spielen zu müssen. Nach und nach kamen andere Spieler hinzu. Jörg, der Finanzberater ist, fand bei seinen Eltern Schläger, spielte damit und verliebte sich in den Sport. „Wenn man das erste Mal den Ball trifft und er fliegt, denkt man: geil“, sagt er. „Diesen Moment will man immer wieder wiederholen.“ Viel Training braucht es, bis die Technik richtig sitzt – das bemerken die KURIER-Reporter, deren erste Schläge daneben gehen.

Die Männer sind Profis. Sylvain, der die lockeren Regeln lobt, ist Europameister, er siegte bei der letzten Meisterschaft in Prag. Jörg belegte in London den dritten Platz. Kein Wunder, dass sie ihrem Ziel mit wenigen Schlägen näher kommen. Stephan zielt, schlägt, trifft – zu gut. Sein Ball saust an der Lampe vorbei und landet im Busch hinter einer Mauer. Er befreit den Ball, legt ihn auf den Steinwall. „Ich mache jetzt fertig“, sagt er zuversichtlich.

Das Spielen in der Nacht ist eine besondere Herausforderung – selbst für Profis. „Mir fällt es schwerer, den Schläger richtig auszurichten, wenn es dunkel ist“, sagt Stephan. „Und die Bälle leuchten zwar, aber trotzdem sind sie nicht leicht zu finden, wenn sie mal weiter fliegen.“ Man könne die Entfernungen schlechter Einschätzen. Alexander: „Ich sage immer: Am Tag kann jeder.“ Dafür ist die Atmosphäre eine andere. Niemand stört das Spiel im Park. Ein Vorteil, wenn man in der Nacht spielt. Denn Passanten bekommen es mit der Angst zu tun, wenn die Männer ihre Schläger auspacken. „Uns rufen Leute hinterher, dass wir bekloppt seien“, sagt Stephan. „Aber bei den meisten schlägt die Stimmung um, wenn sie die Ausrüstung sehen.“ Denn passieren könne nichts. Die Bälle sind aus Hartschaum und nur 13 Gramm schwer – es ist somit unmöglich, dass eine Fensterscheibe zu Bruch geht.

Crossgolfern fehlen Plätze

Es ist der wichtigste Tipp für alle, die mit dem Sport anfangen wollen: „Niemals mit richtigen Bällen in der Stadt spielen. Wenn die jemand an den Kopf bekommt, kann das böse enden“, sagt Stephan. Besser sei es, Kontakt zur Gruppe aufzunehmen. „Dann nehmen wir die Leute mit. Das ist das Gute: Man muss keine 200 Euro Mitgliedsgebühr für einen elitären Golfplatz zahlen.“

Die Crossgolfer haben allerdings ein großes Problem – es fehlen Plätze, an denen sie ungehindert spielen können. „Wenn wir zu viert unterwegs sind, geht das, aber wir haben zu wenig Stellen für große Turniere.“ Während andere Städte für Wettkämpfe ihre Innenstädte freigeben, steht Berlin dem Sport nicht offen gegenüber. Früher spielten sie oft im Gleisdreieck-Park, hier greifen die Park-Ranger aber ein. Im Treptower Park wollten sie ein Turnier veranstalten, der Antrag wurde abgelehnt. „Es hieß, wir machen alles kaputt – und ein Jahr später kam das Lollapalooza“, sagt Stephan. Der Sport sei geduldet. „Wir hoffen, dass sich das ändert.“ Am Ende stehen alle im Halbkreis um die Laterne, die Bälle liegen ringsherum auf dem Rasen. Dreimal macht es „klong“, als die Kugeln den Lampenmast treffen, dann ist das Spiel beendet. Dreimal? Ja, denn Sylvain, der vierte, ist lange fertig – er ist eben Europameister. Er brauchte nur vier Schläge, Alexander fünf, Jörg fünf, Stephan sieben. Zeit zum Ärgern bleibt aber nicht. „Als nächstes nehmen wir das hier als Ziel“, ruft er von der anderen Seite des Parks. Sylvain hat eine rote Leuchte an einer Steinsäule befestigt, um sie in der Dunkelheit sichtbarer zu machen. Die Männer legen ihre Bälle auf das Gras – und zielen.

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